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Von: Andreas Wilhelm An: November 14, 2016 In: Handwerk Schreiben, Verlagssuche und Agenturen Kommentare: 0
Andreas Wilhelm

Viele Autoren, Einsteiger genauso wie bereits publizierte Autoren, tun sich schwer mit dem Schreiben eines Exposés. Wir Autoren beschäftigen uns ausgiebig mit kreativen Techniken, mit Dramaturgie, Sprache und Stil. Am Ende haben wir dann 300, 400 oder 600 Seiten verfasst, und eigentlich ist damit die Arbeit getan. Sollte man meinen. Nur nützt das beste Manuskript bestenfalls zur Selbstpublikation, wenn es sich niemand ansehen und publizieren möchte.

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Das Exposé wird nicht nur standardmäßig verlangt, um das Manuskript einem Verlag oder einer Literaturagentur vorzustellen, es ist sogar maßgeblich dafür verantwortlich, ob sich überhaupt jemand die Mühe macht, in die Leseprobe hineinzuschuppern. Es ist die kleine Geschenkbox, über die sich Agent und Lektor freuen und die Geschmack auf mehr macht.

Warum braucht’s überhaupt ein Exposé?

Verlage und Literaturagenturen erhalten täglich Dutzende unverlangt eingesandter Manuskripte, Leseproben und Anfragen. Und auch wenn dies ja ein Teil ihres Jobs ist, kann man sich gut vorstellen, dass es schlichtweg unmöglich ist, dieses ganze Material ausgiebig zu sichten und gleichzeitig Zeit für das zu haben, was letztlich die Butter auf den Tisch bringt: Autoren vermitteln, Autoren aufbauen, Verträge verhandeln, Manuskripte lektorieren, Bücher produzieren und vermarkten.

Deswegen dient das Exposé dazu, in kürzest möglicher Weise herauszustellen, um was es in dem Roman geht und was ihn auszeichnet. Der Agent oder Lektor soll nach der Lektüre den Eindruck haben: Ja, das klingt nach etwas, das ich gebrauchen kann, das ist entweder genau so eine Geschichte, wie wir sie zur Zeit suchen oder das ist neuartig und klingt interessant. Und ja, für diese Leseprobe nehme ich mir jetzt gerne etwas Zeit.

Was gehört in ein Exposé?

Hat man erst einmal einen Fuß in der Tür, und der Agent oder Lektor will sich näher mit dem Werk beschäftigen, wird man eine Leseprobe schicken, eine Zusammenfassung des Handlungsablaufes, eine Personenliste, vielleicht ein ganzes Dossier. Das kann von Fall zu Fall verschieden sein, und es schadet überhaupt nicht, im Zweifelsfall einfach zu fragen, was es sein darf. Aber niemand wird sich mit dem ganzen Material beschäftigen, wenn schon das Exposé nicht überzeugt. Das ist weder bösartig noch arrogant, es ist einfach der Zeitknappheit geschuldet.

Damit ist im Grunde klar, was ein Exposé ist: Es ist ein Werbetext für den Roman, keine Nacherzählung. Es erklärt weniger, was passiert, als vielmehr worum es geht.

Anders als beim belletristischen Schreiben, wo es um den dramaturgischen Aufbau und die Feinheiten der Sprache und des Stils geht, betreibt das Exposé ganz deutlich „Tell, don’t show“. Das Exposé ist kurz, es ist zwei, maximal drei Seiten lang. Es stellt heraus, worum es in der Geschichte geht, es erklärt das Setting, die Protagonisten, den oder die Konflikte und worauf alles hinausläuft. Agent und Lektor möchten verstehen, ob es ein Drama ist, eine Komödie, ein Entwicklungsroman, was an der Geschichte veröffentlichungswürdig ist und wer diese Geschichte lesen soll.

„Werbetext“ bedeutet dabei nicht, dass der Autor Behauptungen aufstellt und erklärt: „Der spannendste Kriminalfall, denn Sie dieses Jahr lesen werden“, oder „Nach der Lektüren werden Sie Tränen in den Augen haben“. Aber er könnte durchaus hinzufügen, dass es „Ein düster Endzeitthriller für Leser mit starken Nerven“ ist oder „Eine romantische Komödie für alle, die Notting Hill geliebt haben“.

Um was geht es eigentlich in meiner Geschichte?

Das alles ist soweit leicht zu verstehen. Und auch wenn es nicht jedem Autor in die Wiege gelegt ist, sachlich-knackig zu formulieren, liegt bei der Frage, was die Essenz der Geschichte ist, bei vielen Autoren der Hase im Pfeffer. Wie soll es möglich sein, diese vielen hundert Seiten mit den vielen spannenden Ereignissen auf einen Kern zurückzuführen? Wer ist überhaupt der Protagonist, wo doch so viele lustige Gestalten in der Geschichte herumtoben, und soll man wirklich sämtliche Konflikte aufzählen, jeden Streit, jeden Mord, jede Wendung?

Tatsache ist, dass sich jede Geschichte auf ein Thema, einen Kern und eine kurze Zusammenfassung reduzieren lässt. Hier haben jene Autoren einen großen Vorteil, die strukturiert und mit einer von Anfang an durchgeplanten Dramaturgie arbeiten. Sie kennen ihre Figuren, ihre Motivation, die Konflikte, Wendepunkte und die Auflösung. Andere Autoren, die nach der Methode „Bauchschreiben“ vorgehen, haben womöglich erst nach Abschluss ihres Romans einen Überblick, was nun letztlich aus der Geschichte geworden ist.

Über das Herausarbeiten der Essenz der Geschichte lassen sich erheblich mehr als ein paar Zeilen schreiben, und am besten schaut man sich das anhand von Beispielen an (dazu halte ich einen Vortrag auf dem Montségur Camp 2017) oder man arbeitet im Rahmen eines Workshops konkret am eigenen Text.

Völlig unabhängig davon, ob man ein Exposé zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt benötigt – vielleicht ist der Roman noch längst nicht fertig, oder vielleicht möchte man ihn ohnehin selbst veröffentlichen – wird einem die Arbeit an einem Exposé helfen, die eigene Geschichte für sich selbst zu strukturieren. Es ist in jedem Fall eine lohnende Übung:

„Worum geht es in meinem Roman überhaupt, und wen könnte das interessieren?“

Kommt dabei nichts anderes heraus als „Allerlei interessante Dinge geschehen, und dann endet die Geschichte“, kann das ein Hinweis darauf sein, dass nicht das Exposé das Problem ist, sondern vielleicht muss der ganze Roman selbst nochmal in die Werkstatt muss.

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