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Von: Claudia Brendler An: Januar 10, 2017 In: Ankündigungen und Termine, Handwerk Schreiben Kommentare: 0
Claudia Brendler

Wissenschaftler und Philosophen versuchen seit der Antike, dem Geheimnis des Humors auf die Spur zu kommen. Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen soll Lachen die Abwehrkräfte stärken, lebensverlängernd wirken und sogar als Sportersatz taugen. Lieber lachend auf dem Sofa als verbissen laufend im Wald.

Lachen ist andererseits auch gefährlich – denn es schafft Abstand, kann respektlos sein, den Kaiser seiner prunkvollen Kleider berauben. Witze sind subversiv, zünden im Unbewussten, wie man von Sigmund Freud weiß, und vermehren sich in jeder Diktatur wie von selbst. Komik ist oft aggressiv, auch testosterongesteuert, Lachen findet auf Kosten der anderen statt, und Schadenfreude soll die älteste und archaischste Form des Humors sein.

Bisher gibt es keine endgültige Definition des Humors, dafür eine Erkenntnis: Mit Humor lässt sich Geld verdienen. Über die letzten Jahrzehnte ist eine gigantische Spaßindustrie entstanden. Nicht nur im Fernsehen, Radio, Internet und auf Bühnen boomt das Komische, auch zwischen Buchdeckeln. Heitere Sachbücher, Ratgeber, Kochbücher, Chicklit, Dicklit, humoristischer Krimi,  lustige Tiere, komisches Karma, Spaß im Altersheim – dem Verlangen nach Humoristischem sind keine Grenzen gesetzt, einzig die Erotik bleibt wohl auf ewig spaßfreie Zone.

Dabei klaffen die Vorstellungen der Verlage und die der Autoren oft auseinander: Ein humoristisches Versprechen im Exposé wird nicht eingelöst, das Lektorat hat sich den Humor ganz anders vorgestellt, die auf den ersten Seiten noch gelungene und beim Schreiben eher zufällig entstandene Situationskomik kann über die lange Strecke eines Romans nicht gehalten werden. Oder ein ernster Strang drängt sich zu stark in den Vordergrund und steht der Vermarktung im Wege.

Die Selbstverständlichkeit des Komischen in der Literatur, in angelsächsischen Ländern gang und gäbe, muss hierzulande erst gelernt werden. Wir Deutschen haben den Ruf, zum Lachen in den Keller zu gehen und trennen als einziges Land streng zwischen Comedy und Kabarett, zwischen Genre-Komik und hochliterarischem Witz. Mischformen wie die Tragikomödie haben es hierzulande immer noch schwer.  Dennoch ist es möglich, auch dafür Verlage und Publikum zu begeistern, und hat man sich erst damit durchgesetzt, stellt sich heraus, dass genau diese Mischformen eine große Anhängerschaft finden.
Es ist also ratsam, sich zu überlegen, was man anstrebt, wenn man Humoristisches schreibt. Nicht nur, um die oben genannten Schwierigkeiten zu vermeiden, auch, um das Produkt an das richtige Gegenüber zu bringen.

Wie bringt man nun andere zum Lachen? Welches Handwerkszeug gehört zum Humor? Hat mein ganz persönlicher Humor eine bestimmte Zielgruppe? Kann man das Witzige lernen? Gibt es bestimmte Plots und Settings? Wie unterscheidet sich Humor in Romanen von anderen Humorformen, was muss ich bei der längeren Form beachten?

Um das Handwerk, Humorgattungen, Zielgruppe, Genres, Gagaufbau, Figuren, Sprache und Erzählperspektiven in humoristischer Literatur geht es in meinem Vortrag beim Montségur-Camp.
Hier beschränke ich mich auf das, was ich persönlich am wichtigsten finde, um den Humor in der langen Form konsequent durchzuhalten: Figurenzeichnung und Figurenorchestrierung.  Je gründlicher man an der speziellen komischen Weltsicht jeder einzelnen Figur arbeitet, desto leichter hält man die Komik den gesamten Roman über durch. Die spezielle komische Weltsicht der Figur entsteht aus dem Zusammenprall ihrer bewussten und unbewussten Bedürfnisse mit der Realität, verbunden mit einem elementaren Element der Komik: der Übertreibung.

Bewusste und unbewusste Bedürfnisse – oder Want und Need – müssen nicht komisch sein, im Gegenteil, sie dürfen durchaus eine Menge Tragik beinhalten. Schmerz ist ein Antrieb, und eine komische Figur braucht einen starken Antrieb, um mit der Welt zu kollidieren.

Sich immer wieder unglücklich zu verlieben ist ein oft genutzter und auf den ersten Blick beinahe banaler Schmerz. Er funktioniert nicht nur bei Chicklit-Heldinnen, sondern auch bei Obelix, einer Figur mit ausgeprägter komischer Weltsicht. Obelix ist stark, dick, unbesiegbar, sein bewusstes und für alle sichtbares Bedürfnis ist Raufen. Sein Schmerz: Er ist nicht so wie alle anderen (er ist als Kind in den Zaubertrank gefallen, deshalb immer stärker als der Rest der Welt). Bei aller Stärke ist er durchaus sensibel, und sein unbewusstes Bedürfnis ist, in seiner Sensibilität und seinem Hang zur Romantik von seiner Umgebung wahr- und ernstgenommen zu werden. Auch diese komplexe, komische Perspektive lebt von der Übertreibung: Obelix ist nicht nur ein bisschen, sondern außerordentlich romantisch und Frauen gegenüber beinahe krankhaft schüchtern. So pflückt er blaue Blumen im Wald, kurz nachdem er eine Römerpatrouille verdroschen hat und windet sich in Verlegenheit gegenüber der Angebeteten, wobei er versehentlich einen Baum umstößt.
Obelix’ komische Perspektive kontrastiert mit der komischen Perspektive der anderen Figuren, vor allem der seines Freundes Asterix, der zu intelligent für seine Umgebung ist.
Und hier wären wir beim nächsten Punkt: der Orchestrierung. Eine komische Geschichte funktioniert dann am besten, wenn die Hauptfiguren eine ausgeprägte und möglichst gegensätzliche komische Perspektive haben. Asterix ist eine Figur, mit der die Identifikation leicht fällt, der klassische „Normale“ unter lauter „Irren.“
Von Figuren mit dieser komischen Perspektive leben viele Genre-Romane, da Genreleser in der Regel die Identifikation mit der Figur suchen. Dafür braucht es eine Figur, deren Gedanken, Bestreben und bewussten Bedürfnisse auf den ersten Blick vollkommen nachvollziehbar erscheinen – und eine Umgebung, in der die Figur mit genau diesen Gedanken und Bestrebungen immer wieder aneckt.
Sinnvoll ist es, wenn man über weite Strecken komisch sein will, nicht nur die Hauptfiguren, sondern jede Figur des Romans mit einer komischen Perspektive auszustatten und die Perspektiven so auszuwählen, dass sie kontrastieren und einander ergänzen. Allein dadurch, dass die Figuren miteinander kollidieren, wird Handlung geschaffen: Es entstehen jede Menge absurder Situationen,  Konflikte und nebenbei auch Raum für Running Gags.

Außer witzigen Eingebungen braucht es beim humoristischen Schreiben also durchaus eine Menge Planung, Ernsthaftigkeit, Akribie und Mut. Dazu gehört auch der immer wieder aufgenommene, einsame Kampf mit dem inneren Kritiker, der natürlich nicht die Spur von Humor besitzt. Was man tun kann, um ihn in die Wüste zu schicken – auch dazu gibt es den einen oder anderen brauchbaren Tipp beim Montségur-Camp.

Bild 1 – (C) Svetlana Petrova & Zarathustra the Cat
Bild 2 – (C) Nicht Lustig

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