30Nov
Von: Julia Kröhn An: November 30, 2016 In: Handwerk Schreiben Kommentare: 0
Julia Kröhn

Recherchereisen sind für mich der schönste Teil meiner Arbeit. Was nicht heißt, dass Recherchereisen immer nur „schön“ sind. Im Gegenteil: Es kann zu äußerst blutigen, feucht-kalten und peinlichen Vorfällen kommen.

Während einer Wanderung auf Mallorca malte ich mir einmal so intensiv einen Sarazenenüberfall aus, dass ich zu wenig auf den Weg achtete und mein Oberschenkel eine äußerst unangenehme Bekanntschaft mit einer dornigen Ranke machte. Das „Stigma“ trage ich bzw. besagter Oberschenkel bis heute.

Und ich habe es geschafft, die irischen Cliffs of Moher nahezu ohne andere Touristen zu erforschen – schlichtweg, weil sich auf halber Wegstrecke ein heftiger Regenguss mit eisigen Sturmböen zum lauschigen Tête-á-Tête traf. (Und nein, in diesem Augenblick habe ich mir keinen Überfall vorgestellt, weil eine unangenehme Bekanntschaft von Schuh und rutschigem Stein nicht nur blutig, sondern tödlich hätten enden können.)

Just als ich wiederum auf dem Grab von Diarmait MacMurchada kauerte – ich wollte dem irischen König, der seinen Thron gerüchteweise aus den Augäpfeln der von ihm Geblendeten errichtet hat, nicht besonders nahe sein, lediglich ein Selfie von mir plus Grabstein machen – nun, da öffnete sich die Kirchentür nach dem sonntäglichem Gottesdienst. Ich wäre sehr gerne in einem Erdloch verschwunden, um dem stummen Vorwurf „Ihr Touristen werdet auch immer dreister!“ zu entgehen. Allerdings ist das eine wenig attraktive Option, wenn in der Erde bereits besagter König mit dem Augäpfel-Thron liegt.

So oder so: Dass Recherchereisen mit ziemlich abenteuerlichen Episoden aufwarten und auch einem bekennenden Couchpotato wie mir maximalen körperlichen Einsatz abfordern, ist einerseits ausgleichende Gerechtigkeit. Schließlich bin ich eine sehr sadistische Autorin, die – obwohl persönlich sogar dem Zelturlaub abgeneigt – ihre Protagonisten gerne mal halbnackt durch winterliche Wälder schickt. Andererseits machen solche Erlebnisse für mich den eigentlichen Reiz dieser Trips aus.

Natürlich ist auch das Naheliegende wichtig – wie z.B. Museumsbesuche. Wenn man eine lederne Trinkflasche oder einen aus 600 (!) winzigen Goldstücken zusammengesetzten Reliquienschrein hinter einer Vitrine sieht, fällt es später leichter, dergleichen zu beschreiben. Ebenfalls hilfreich ist es, einem trockenen Schwamm gleich die Atmosphäre eines Orts (Licht, Temperatur, Gerüche etc.) in sich aufzusaugen oder sich einen Überblick über die örtlichen Gegebenheiten zu verschaffen. Den Weg vom Papstpalast in Avignon zur berühmten Brücke nachzugehen, wenn diesen auch die Protagonisten regelmäßig zurücklegt, ist ebenso wenig verkehrt wie die Burg, auf der eine Schlüsselszene stattfindet, einmal selbst betreten zu haben.

Allerdings würden in diesen Fällen notfalls auch ein guter Museumskatalog oder Google Maps weiterhelfen. Was wiederum die Burgen anbelangt, darf man nicht erwarten, dass der Besuch von Originalschauplätzen die kreative Höchstleistung ersetzt. Vieles (z.B. fehlende Mauern) muss man sich dazu, anderes (z.B. moderne Wohnsiedlungen und/oder die Tankstelle in unmittelbarer Nähe) wiederum weg denken.

Alternativlos machen für mich Recherchereisen hingegen die vielen unvorhersehbaren Ereignisse, die nach und nach eine „Vorratskammer der Gefühle“ füllen.

Die Verzweiflung, die mich überkam, als ich einmal mit leerem Benzintank auf der französischen Autobahn liegenblieb (und das etwa eine Stunde, bevor mein Flieger ging), konnte ich später nutzen, um die Stimmung meiner Protagonistin auf Odyssee durchs mittelalterliche Languedoc zu beschreiben. In den zwei Stunden, die ich auf dem finsteren, kalten Bahnhof von Bayeux auf meinen verspäteten Zug wartete,  fiel es mir plötzlich ganz leicht, mich in den trostlosen Gemütszustandes eines von den Normannen versklavten Mönchs hineinzuversetzen. Und wenn man auf das Frühstück im Hotel verzichtet, weil man selbiges im nächsten Café nachholen will, sich dann aber in den Pyrenäen verfährt und nur auf Überreste von Katharerburgen, nicht auf frische Croissants und Café au lait stößt, kann man im nächsten Roman den Zustand völliger Unterzuckerung (man nennt es auch Hunger) deutlich glaubwürdiger beschreiben.

Aus diesem Grund ist das Reisen nicht nur meine größte Leidenschaft neben dem Schreiben, es ist vielmehr so, dass ich ohne das Reisen wohl erst gar nicht erst schreiben könnte. Mein Lieblingszitat (es stammt aus der Feder von Aurelius Augustinus) lautet folglich: „Die Welt ist ein Buch, wer nie reist, liest nur eine Seite davon.“

Und ich ergänze es gerne mit: „Und wer nie liest, reist immer nur an denselben Ort.“

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